Bevormundet und Bestraft
Ich hatte nach längerer Zeit einen interessanten Kontakt. Wir haben uns schriftlich gut verstanden und wollten telefonieren. Damit beginnt das eigentliche Problem.
Die Plattform verhindert den Austausch der Telefonnummer. Es gibt eine Warnung, das ist fair. Trotzdem folgt beim Versuch eine 24-Stunden-Chat-Sperre. Telefonieren über die eigene Nummer ist erst nach 72 Stunden vorgesehen. Als einzige Alternative wird ein Video-Call angeboten. Der ging bei uns gar nicht. Bricht man den Versuch ab, erhält das Gegenüber eine Nachricht, die wie eine persönliche Absage klingt. Genau das ist für ein erstes Kennenlernen Gift: Die andere Person sieht kein Systemproblem, sondern Desinteresse.
Den Schutz vor Fake-Profilen und Romance-Scams verstehe ich. Drei Tage Wartezeit und Schreibzwang treffen aber vor allem normale Nutzer. Wer schlecht tippt oder lieber spricht, wird ausgebremst. Ein geduldiger Betrüger wartet die Frist einfach ab.
Ich habe das dem Support sachlich geschrieben, inklusive der defekten Video-Funktion und der missverständlichen Abbruch-Nachricht. Die Antwort war: Das sei kein Bevormunden, sondern Schutz; die 1-Stern-Bewertung sei unfair. Als ich angeboten habe, die Bewertung anzupassen, wenn Video-Call und Hinweis funktionieren, wurde das als Erpressung gelesen. Danach kam die Kontosperre.
Die Plattform selbst ist im Kern brauchbar: Profile, Chat, die Absicht, Nutzer zu schützen. Deshalb zwei Sterne und nicht einer. Was fehlt, ist die Mitte. Erwachsene, die sich bereits geschrieben haben und beide telefonieren wollen, sollten das entscheiden dürfen. Wer nur die App nutzen will, kann den Video-Call nutzen – dann muss der aber funktionieren und darf beim Abbruch keine persönliche Absage vortäuschen.
Kurz für andere: Wer gern lange schreibt und 72 Stunden warten mag, kommt klar. Wer nach einem guten Gespräch zeitnah eine Stimme hören will, läuft in Regeln, Sperren und einen Support, der Kritik persönlich nimmt.






